Gemeinde Mihla

Hainichgemeinde am Werraknie

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Was geschah vor 75 Jahren - Die Rettung Mihlas - Teil 3 

Zur gleichen Zeit, als an der Post ein US-Jeep durch eine deutsche Pak abgeschossen wurde und die Gefahr bestand, dass die US- Streitkräfte nach diesem Überfall Mihla beschießen würden, versammelten sich vor dem Rathaus in der Marktstraße eine Gruppe aufgeregter Menschen. Darunter waren Heinrich Böhm als einer der Kommandeure des Volkssturmes, Pfarrer Mitzenheim, Bürgermeister Lämmerhirt, Leutnant Sinn, der sich als Urlauber im Ort aufhielt, und Zahnarzt Kramer.

Die Forderung an den Bürgermeister lautete, das Beflaggen mit weißen Fahnen als Zeichen der Kapitulation anzuordnen, um so einen drohenden Beschuss durch amerikanische Geschütze zu verhindern. Doch Bürgermeister Lämmerhirt befürchtete, dass er von deutscher Seite Probleme bekommen würde, da noch deutsche Soldaten im Ort seien.


Heinrich Böhm, Aufnahme nach dem Krieg, riss im entscheidenden Moment das Heft des Handelns an sich und wagte den Gang, gemeinsam mit anderen Mihlaern und mit weißen Fahnen, den US-Soldaten entgegen. Durch seine tapfere Haltung rettete er den Ort vor dem Beschuss, Foto: Familie Böhm, Eisenach.

Was die Anwesenheit deutscher Truppen betraf, wurde dies rasch geklärt. Leutnant Sinn und Heinrich Böhm liefen zu den Stellungen im Ort und fanden sie alle verlassen vor.

Über die zurückgelassene Kampftechnik wurden weiße Bettlaken gezogen.

Jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Während im Rathaus noch diskutiert wurde, begannen die im Dorf verbliebenen Einwohner von selbst weiße Tücher aus den Fenstern zu hängen. In dieser Situation wurde von den diskutierenden Männern der Vorschlag gemacht, den Amerikanern entgegen zu gehen, um so die Räumung Mihlas von Truppen mitzuteilen und einen Beschuss zu verhindern. Der Ort sollte übergeben werden.

Wer letztlich diese mutige Tat zur Rettung Mihlas anregte, ist schwer festzustellen, es spricht jedoch viel dafür, dass Heinrich Böhm der Initiator war.

Auf dem Weg zur Post schlossen sich ihm weitere mutige Mihlaer an: Fritz Berz, Friedrich Böhnhardt, Willi Klatt und Heinz Knauer. Am „Roten Schloss“ trafen die Mihlaer auf drei deutsche Soldaten, die mitteilten, dass sie die letzten wären, die sich aus den Kampfstellungen zurückzögen.

Das „Rote Schloss“, der Stab des Kampfkommandanten, war bereits geräumt. Vor dem Eingangstor stießen die Männer auf einen deutschen Unteroffizier und einem Begleiter, der ihnen mitteilte, der Kampfkommandant sei in Gefangenschaft geraten. Das Tor zum „Roten Schloss“ wurde nun verschlossen, um Plünderungen entgegenzuwirken. Am Postamt trafen die Männer auf Karl Eisenträger, der die Gruppe ebenfalls bekleidete.

Der Anblick des zerstörten US-Fahrzeuges muss den Männern nochmals die Gefahr deutlich gemacht haben, in die sie sich nun begaben. Mit weißen Tüchern winkend, gingen die Mihlaer entlang der Bahnhofstraße den Amerikanern entgegen.

Auch das noch brennende zweite US-Fahrzeug am Bahnhof wurde erreicht. Dort hatten die Amerikaner ihre Toten und Verwundeten bereits abtransportiert.

Auf der Höhe des früheren Baugeschäftes Schlothauer stießen die Parlamentäre schließlich auf eine Gruppe amerikanischer Soldaten, die, ihre Waffen im Anschlag, auf beiden Straßenseiten langsam auf Mihla vorrückten. Im Hintergrund standen Panzer zum Eingreifen bereit. Die US-Soldaten benutzten, ohne dass es zu Gesprächen gekommen war, die Mihlaer als lebende Schutzschilder und trieben sie mit Kolbenstößen vor sich her in Richtung Mihla.

Besonders dramatisch gestaltete sich der Moment, als Amerikaner und Deutsche vor dem Postamt auf das zerstörte US-Fahrzeug und die Gefallenen stießen. Heinrich Böhm hatte noch versucht, den Vormarschweg der US-Soldaten von der Bahnhofstraße in Richtung Mihlaer Höhe abzulenken, um nicht auf die Stelle der Vernichtung des Spähtrupps zu stoßen, aber die US-Soldaten ließen sich in ihrer Handlung nicht beirren. Sie fuhren direkt entlang der Bahnhofstraße. Die Mihlaer sahen nun ihre letzte Stunde gekommen. An der Post angekommen, herrschte zunächst Verwirrung, dann nahmen die US- Soldaten eine drohende Haltung an und verwiesen immer wieder auf die weißen Fahnen, die inzwischen entlang der Bahnhofstraße von einigen Bewohnern gehisst worden waren.

Schließlich forderten die US-Soldaten einen Dolmetscher. Heinrich Böhm bot sich an, diesen Weg zu erledigen. Nach seinen eigenen Aussagen traf er am „Roten Schloss“ auf den Lehrer Walter Baumbach, der perfekt Englisch sprach und sich auch sofort zur Unterstützung anbot.

Walter Baumbach gelang es, den amerikanischen Offizieren klar zu machen, dass Mihla feindfrei sei und die Bevölkerung den Ort übergeben wolle.

Gegen Mittag des 4. April war es dann soweit. Amerikanische Panzerfahrzeuge rückten in Mihla ein, Infanterie besetzte alle wichtigen Gebäude und richtete Stellungen an den Straßenkreuzungen ein. In den nächsten Stunden wurden alle Gebäude auf Waffen und versteckte deutsche Soldaten durchsucht. In der Bachhofschule, im „Roten Schloss“ und im Rathaus quartierten sich amerikanische Soldaten ein.

Pfarrer Mitzenheim hatte sich vor dem entscheidenden Gang der Gruppe um Heinrich Böhm von diesen getrennt. Er war zurück ins Rathaus geeilt, wo er jedoch nur noch den Zahnarzt Kramer und dessen Familie antraf.[1] Im Zimmer von Zahnarzt Kramer, der in der 1. Etage des Gebäudes wohnte, erlebte er den Einmarsch der Amerikaner. Gegen 12.00 Uhr, so Mitzenheim, kamen die ersten Panzer in die Marktstraße. Auf dem Kühler des ersten Fahrzeuges, eines Jeeps, saß ein deutscher Zivilist. Einige Fahrzeuge fuhren weiter bis nach Lauterbach. Dort richteten die Amerikaner auf dem Kirchturm ein MG-Nest ein und schlugen hierfür ein Loch in das Kirchendach. Der Vorstoß führte bis Bischofroda, dass ebenfalls feindfrei war. Danach kehrten die Panzerfahrzeuge nach Mihla zurück.

Für Mihla und die Region war der Krieg zu Ende. Im Gegensatz zu Creuzburg hatte Mihla wohl gleich mehrere „Schutzengel“, die für ein Ende ohne weitere Kämpfe viel riskierten.

- Ortschronist Mihla - 

[1] Zahnarzt Kramer bewohnte zu dieser Zeit die ehemalige Dienstwohnung des Bürgermeisters im Rathaus. Am Ostersonntag sollte sein Sohn Konfirmation feiern.