Mihlaer Jahreschronik

Das Jahr 1922

 
 
1921 hatte schließlich eine allmähliche Beruhigung der Situation in Mihla gebracht. Die beiden "großen" Streitpunkte in der Gemeinde, die Auseinandersetzung mit der Überlandzentrale Mühlhausen um die Strompreise und der Streit mit dem Rittergutbesitzer Lichtenberg, waren beigelegt.
Die letzten Männer waren aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und wirtschaftlich sah es auch etwas besser aus als noch vor einem Jahr. Zwar waren Anfang des Jahres noch immer 30 Mihlaer als völlig erwerbslos gemeldet, doch für die Zigarrenindustrie gab es wieder Aufträge.
 
Der relative Friede im Ort wurde im Verlauf des Jahres 1922 durch die politische Entwicklung in Deutschland sehr schnell wieder in Frage gestellt. Die Gesamtsumme der zu leistenden Reparationen an die Siegermächte war inzwischen auf 132 Milliarden Goldmark, zahlbar innerhalb von 30 Jahren, festgelegt. Die beginnende Ratenzahlung für diese Summe verschärfte die Inflation im Lande.
 
Kostete der US- Dollar, die neue Leitwährung, 1914 4, 20 RM, belief sich die Summe 1919 auf 14 RM, im Januar stand sie bereits bei 191,80 RM und ein Jahr später bei unvorstellbaren 17.972 RM!
 
Der 1921 spürbare Aufschwung blieb daher im Ansatz stecken.Die Arbeitslosigkeit schnellte empor und Ende 1922 drohte in der Zigarrenindustrie der völlige Zusammenbruch.
Die meisten Mihlaer lebten jedoch von dieser Beschäftigung und so nimmt es kein Wunder, daß immer wieder die Hoffnung ausgesprochen wurde,in der bei Buchenau entstehenden Sodafabrik eine Anstellung zu finden.
 
1922 wurde zum Jahr der politischen Extremisten. Militärisch organisierte Vereinigungen bekamen großen Zulauf, vor allem die Organisation Escherich (Orgesch) und der Jungdeutsche Orden (Jungdo).
 
Auch im Eisenacher Land hatte besonders der Jungdo einen starken Anhang. Stützpunkte der Organisation waren die Landorte Neukirchen, Bischofroda und Mihla.
 
Geheime Waffenlager entstanden. Die staatlichen Behörden, die langediese offensichtlichen Putschvorbereitungen geduldet hatten, schlugen nach der Ermordung des Außenministers Walter Rathenau durch Angehörige der Geheimorganisation "Consul" und nach der Verhängung des Ausnahmezustandes rasch zu. Eine nachhaltige Wirkung auf die radikalen Gruppierungen erreichte dieses Vorgehen allerdings nicht.
 
So zog wieder politische Unruhe ins Lautertal ein. Diese wurde noch dadurch verstärkt, nachdem die Gemeinde Lauterbach gezwungen wurde, sich im Zuge der Verwaltungsreform nach Mihla eingemeinden zu lassen.
Die Zeichen für die weitere Entwicklung waren also alles andere als günstig.
 

 
Januar
 
- Eine Bürgerversammlung findet in Mihla wegen des Ausbaus des Wasserleitungssystems und des Wasserwerkes statt. DiePläne in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Lauterbach werden vorgestellt und diskutiert.
 
- Wegen des Kursverfalls der Reichsmark muß die Gemeinde ein weiteres Darlehen in Höhe von 300.000 RM aufnehmen.
 
- Im Saal der "Goldenen Aue" findet ein Konzert der Reichswehrkapelle des Infanterieregimentes 15 statt. Der Saal war übervoll.
 
- Die Generalversammlung des Bienenzuchtvereins "Hainichgrund" wird abgehalten. Züchter aus 9 Orten nehmen teil. In Mihla hat der Verein 59 Mitglieder und es gibt494 Bienenvölker.
Als Vorstand für die nächsten drei Jahre werden gewählt: Tischlermeister Heinrich Böhnhardt aus Mihla als Vorsitzender, Tischlermeister Christian Looß aus Ebenshausen und A. Brand aus Mihla.
 
Februar/März
 
- Die Theatergruppeder Volkshochschule Eisenach veranstaltet in der "Goldenen Aue" einen Theaterabend.
 
- Endlich wird die Zugverbindung zwischen Treffurt und Eisenach verbessert. Zusätzlich verkehren nun 4 Zugpaare.
 
- In Buchenau werden erfolgreiche Tiefbohrungen nach Kalisalz durchgeführt.
 
- Der Zustand der beiden hölzernen Brücken über Mühlgraben und Werra hatte sich in den letzten Jahren immer mehr verschlechtert. Die kleine Brücke muß für Lasten über 20 Zentner gesperrt werden.
 
- Die Quelle bei Lauterbach ist gefaßt. Im Ort beginnen Bauarbeiten, um nun die gesamte Gemeinde an das bereits bestehende Wasserleitungsnetz anzuschließen.
 
- Das Sägewerk von Wüstefeld und Kraft nimmt in der Bahnhofstraße die Arbeit auf. An einer neuen Straße vom Bahnhof zum Sägewerk wird gearbeitet.
 
April/Mai
 
- Am 3. April findet die Beisetzung des langjährigen Mihlaer Bürgermeisters Baumbach statt, der in Ausübung seines Amtes als Standesbeamter einen Schlaganfall erlitten hatte.

- In Eisenach findet eine Großveranstaltung des Jungdo statt, auf der General von Ludendorff spricht.
In Mihla wird eine Bannerweihe der hiesigen "Gefolgschaft" durchgeführt. Über 1500 Anhänger des Jungdo halten sich in Mihla auf. Die Fahnenweihe findet in der Kirche statt. Anschließend gibt es einen Festzug durch das Dorf, Ansprachen auf dem Propel und am Abend Tanz auf zwei Sälen.
 
- Im Mai findet das Bezirksturnfest des Jahres auf dem Propel statt. Hunderte Turnfreunde aus Nah und Fern nehmen teil.
 
Juni/Juli:
 
- Die Bauarbeiten an der Sodafabrik Buchenau müssen wegen Geldmangels eingestellt werden.
 
- Die Ermordung des Außenministers Rathenau am 24.6. in Berlin führt zu ersten Maßnahmen gegen radikale Geheimorganisationen. Das Land Thüringen verhängt den Ausnahmezustand.
Die Organisation der Frontsoldaten, der "Stahlhelm", sowie der Jungdo werden verboten.
Alle noch in Besitz befindlichen Waffen müssen abgegeben werden.
 
- Anfang Juli wird der Mihlaer Streck, Besitzer der Mühle zwischen Mihla und Lauterbach, von der Staatspolizei verhaftet. Die Erregung in den Orten des Lautertales ist sehr groß.
Die Polizei erfährt von geheimen Waffenlagern in Berka und Bischofroda. In Bischofroda verhindert eine aufgebrachte Menge die Verhaftung weiterer Führer des Jungdo. Dabei werden die Polizeibeamten tätlich angegriffen. Erst der Einsatz einer Einheit der Landespolizei stellt Ruhe und Ordnung wieder her. Auf dem Berkaer Rittergut und in einem Versteck bei der Bischofrodaer Kirche werden tatsächlich Waffen gefunden. Nach Verhören werden die Verhafteten wenige Tage später wieder entlassen. Zu den Führern des Jungdo in Mihla gehört auch der Schulamtskandidat Hermann Eisenträger, der aus dem Staatsdienst entlassen wird. Als Angestellter auf dem Rittergut Lichtenberg verbleibt er in Mihla. Ein Antrag des Elternrates auf Wiedereinstellung wird vorerst durch das Weimarer Ministerium abgelehnt.
 
August/September
 
- Die Abdeckerei auf dem "Hexentanzplatz", als zentrale Anlage dieser Art des Kreises Eisenach von Herrn Karl Fischer betrieben, wird baulich erweitert.
 
- Auf der Domäne Wernershausen haben sämtliche landwirtschaftlichen Arbeiter ihre Arbeit niedergelegt. Der Streik mitten in der Ernte erfolgt, weil der Eigentümer der Domäne angeblich willkürlich einen Arbeiter (meist Drescher und Schnitter aus Polen) entlassen hat. Um die Ernte nicht zu gefährden, kommt der Technische Notdienst zum Einsatz.
 
- Für erneute Unruhe sorgt die Mitteilung, daß Lauterbach nun an Mihla angegliedert werden soll. Besonders kritisiert wird, daß der neue Ortsname nur "Mihla" lauten soll.
 
- Die im September stattfindenden Kreisratswahlen drücken die politischen Vorgänge der letzten Wochen aus. Der rechtsradikale Landbunderhält in Mihla die meisten Stimmen:
 
- Landbund: 522 Stimmen, SPD: 359 Stimmen, USPD: 177 Stimmen, KPD: 17 Stimmen, DNVP: 18 Stimmen, DVP: 104 Stimmen.
 
Analysiert man dieses Ergebnis, dann haben mit den Stimmen der USPD, KPD, dem Landbund undder DNVP insgesamt 734 Mihlaer ihre Stimmen radikalen Parteien gegeben! Die Unsicherheit der politischen Verhältnisse kann wohl kaum sichtbarer zum Ausdruck kommen.
- Ende September wird die Zwangsvereinigung von Lauterbach mit Mihla vollzogen.
Ab 1. Oktober ist damit der Ortsname Lauterbach von der Landkarte verschwunden.
Der Widerstand der Lauterbacher ist ungeheuer groß. Aber auch in Mihla gibt es viele Stimmen gegen den Zusammenschluß: Die am 10. September bereits gemeinsam in beiden Orten durchgeführten Gemeinderatswahlen führten zur Bildung eines gemeinsamen Gemeinderates. Zwei Lauterbacher, Karl Lerp und Christoph Pook, vertreten dort die Nachbargemeinde. Nun hat die Mihlaer SPD nicht mehr die Mehrheit im Rat.
 
 
Oktober/November
 
- Die Klagen über den schlechten Zustand der Straße zwischen Neukirchen und Mihla häufen sich.
 
- Die Bahn spart Personal. So werden im Mihlaer Bahnhof keine Fahrkarten mehr verkauft.
 
- Zur Sitzung des gemeinsamen Gemeinderates Mihla/Lauterbach stellt die SPD den Antrag, erneute Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchführen zu lassen. Weiterhin wird aufgrund der zunehmenden Erwerbslosigkeit für viele Menschen die kostenlose Bereitstellung von Milch für die Kinder gefordert. Wegen fehlender Geldmittel wird der Antrag abgelehnt.
 
Dezember:
 
- Zur erneuten Sitzung des Gemeinderates wiederholt die SPD- Fraktion ihren Antrag auf Arbeitsbeschaffungsarbeiten. Sie schlägt vor, den Hühnerlochweg nach Kammerforst ausbauen zu lassen. Schließlich wird der Antrag angenommen.
 
- In Mihla arbeitet seit dem Sommer eine Mädchenturnriege unter Leitung der Arztfrau Evers.
Am 1. Weihnachtsfeiertag tritt die Riege erstmals mit einer Schauvorführung im Saal der "Goldenen Aue" auf.
 

 

 

 
Bürgerkriegsähnliche Zustände im Lautertal 1922
 
Das Jahr 1922 brachte erhebliche Unruhe in die Dörfer des Lautertales. Die sich ständig verschärfende Inflation sowie die damit verbundene Verschlechterung der Lebensbedingungen für viele Menschen hatten zur Folge, daß sich viele vor allem junge Menschen extremen politischen Strömungen anschlossen. Diese versprachen Lösungen für die eingetretene Situation außerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten der Weimarer Demokratie.
 
Besonders großen Einfluß in unserer Region erlangte der Jungdeutsche Orden (Jungdo genannt).
Dieser war im Jahre 1920 durch Arthur Mahraun gegründet worden und strebte eine grundsätzliche Reform des parlamentarischen Lebens an, sprach sich aber auch gegen "kapitalistische Züge" aus und betonte das "nationale Element".
 
Während sich viele seiner ständig zunehmenden Mitgliederzahl an der "Treue zum deutschen Vaterland" begeisterten, bereiteten einige der Führer des Ordens insgeheim einen militärischen Umschwung gegen die Regierung vor. Dazu wurden geheime Waffenlager angelegt. Die Mehrzahl dieser Waffen stammte noch aus der Zeit der Novemberrevolution, die schweren Waffen dagegen kamen aus Magazinen der Armee. Seit 1920 war die Vernichtung dieser Waffen durch die Siegermächte des Weltkrieges angesagt; eine gute Zeit für Waffenschieber.
 
Wie groß der Einfluß des Jungdo im Werra- und Lautertal war zeigte eine im Mai 1922 durchgeführte Bannerweihe. An zwei Tagen strömten über 1500 Anhänger der Bewegung nach Mihla. Die Bannerweihe selbst fand in der Mihlaer Kirche statt und wurde von Pfarrer Kötschau vorgenommen.
 
Lesen wir in einer Eisenacher Zeitung über das Ereignis: " ...Schon am Einleitungskommers am Sonnabend waren viele auswärtige Ordensangehörige erschienen, deren Zahl am Sonntag, dem eigentlichen Festtage, auf ca. 1500 anwuchs. Die Weihe fand in der Kirche statt und wurde durch den Ortsgeistlichen, Herrn Pfarrer Kötschau, vorgenommen. Sie gestaltete sich zu einem allgemeinen Treuebekenntnis zu unserem deutschen Vaterland.
 
Nach einem Festzug durch das Dorf und einigen Ansprachen auf dem Propel, von denen besonders diejenige des Herrn Pfarrer Humbert aus Gotha hervorzuheben ist, sowie Absingen verschiedener Vaterlandslieder, vereinigte der Abend die Teilnehmer in zwei Sälen des Dorfes zu gemütlichen Beisammensein und flotten Tänzchen."
 
Vorsitzender der nunmehr gegründeten "Mihlaer Gefolgschaft" des Ordens wurde der Mühlenbesitzer Streck. Lehramtskandidat Eisenträger, gerade mit dem Schuldienst in Mihla begonnen, wurde bald als weiterer Führer der Bewegung in Mihla bekannt.
 
Wie die Polizei später feststellte, begannen Jungdoleute im Juni 1922, geheime Waffenlager in Bischofroda, Berka und in Hörschel anzulegen. Die Mehrzahl dieser Waffen stammte aus Beständen der Armee. Lediglich in Mihla fahndete man nach den Gewehren der einstigen Einwohnerwehr.
 
In diesen Tagen höchster politischer Spannung ermordeten Mitglieder der Geheimorganisation "Consul" am26.Juni den deutschen Außenminister Rathenau auf offener Straße. Gründe gab es viele; Rathenau hatte den umstrittenen Rapallo- Vertrag mit Sowjetrußland unterzeichnet, wollte die Forderungen der Siegermächte an Deutschland erfüllen und war Jude.
DieRegierung, bisher immer zögerlich in der Durchführung von Gegenmaßnahmen, verhängte nun, auch unter dem Eindruck gewaltiger Demonstrationen für den Erhalt der Demokratie, den Ausnahmezustand
 
Am 1. Juli erging die Forderung des Eisenacher Landrates, alle in Privatbesitz befindlichen Waffen abzuliefern. Die Polizei erhielt Befehl, mit aller Konsequenz gegen Waffenschieber und politische Extremisten vorzugehen.
 
Durch Meldungen aus der Bevölkerung entdeckt, beschlagnahmten Einheiten der Landespolizei am 3. Juli auf dem Rittergut in Berka v.d.H. ein geheimes Waffenlager einer Schieberbande. Unter den Waffen befanden sich Maschinengewehre und Gasmasken. Die Spuren führten zur Jungdobewegung in Eisenach. Daraufhin erging am 6. Juli der Befehl, alle bekannten Führer des Ordens im Kreisgebiet zu verhaften. Darunter befanden sich der Herr Streck aus Mihla sowie der Lehrer Linß aus Neukirchen.
 
Die Ereignisse eskalierten weiter, nachdem am 12. Juli 3 Polizeibeamte in Zivil in Bischofroda weitere Verhaftungen durchführen wollten. Eine erste Festnahme gelang, dann jedoch strömten die inzwischen alarmierten Einwohner zusammen und verhinderten weitere Ermittlungen. Schließlich kam es sogar zur Schlägerei und zum gewaltsamen Vorgehengegen die Beamten. Diese wurden entwaffnet und blutig geschlagen.
Am Nachmittag rückte dann ein starkes Polizeiaufgebot in den Ort ein und stellte "Ruhe und Ordnung" wieder her.
 
Am 15. Juli konnte die Polizei den entscheidenden Schlag ansetzen. In einer überraschenden Aktion drang eine Hundertschaft der Landespolizei in Bischofroda ein. Durch gezielte Hinweise informiert, wurden diesmal 3 Maschinengewehre, 1 Minenwerfer, 4 Tankabwehrgewehre, 6 Maschinenpistolen 5 Gewehre, 30 MG- Läufe und etwa 1000 Schuß Munition beschlagnahmt.
Ein Teil der Waffen war in der Kirche versteckt, andere Verstecke befanden sich auf dem Friedhof und im Wald. Mehrere Mitglieder des Jungdo wurden ebenfalls verhaftet und zum Verhör nach Weimar gebracht.
 
Wenig später konnte auch ein drittes Waffenlager in Hörschel mit über 170 Handgranaten gefunden werden. Damit war es der Polizei gelungen, innerhalb einer Woche der militanten Gruppierung innerhalb des Jungdo einen schweren Schlag zu versetzen und zudemeinen einflußreichen Waffenschieberring aufzudecken.
Die meisten der in den Orten Verhafteten kehrten allerdings schon nach wenigen Tagen zurück.
 
Die politischen Auswirkungen dieser Vorgänge waren bereits wenige Tage später zu verspüren. Die bisher staatstragenden Parteien, vor allem die SPD, erlitten bei den Kreisratswahlen große Stimmenverluste, die konservativ eingestellten Parteien gewannen stark hinzu. Erstmals erzielten die rechtsradikalen Parteien z.B. in Mihla starke Gewinne. Eine klare politische Polarisierung der Wähler hatte eingesetzt. Noch schlimmer war die beständige Unsicherheit, die von nun an das Alltagsleben begleitete.
 
Viele Mitglieder des Jungdo gehörten später zu Aktivisten der SA in den Orten. Der Jungdo selbst wurde bald politisch bedeutungslos und verband sich 1930 mit der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Die Nazis lösten den Orden 1933 auf.