Was geschah vor 70 Jahre? Als die Amerikaner kamen... 

- Ostersonntag, 1. April 1945: Am frühen Morgen traf Pfarrer Mitzenheim mit einem Fahrrad aus Eisenach ein. In Lauterbach führte er die Konfirmation durch. Als in Mihla dieser Gottesdienst beginnen sollte, wurde dieser auf Anweisung des Bürgermeisters wegen "Feindgefahr" aufgehoben. Von Westen her war ständig zunehmender Gefechtslärm zu hören.

 

Am Nachmittag bezogen die deutschen Soldaten ihre Stellungen am westlichen Ortsrand. Abgerissene deutsche Einheiten durchfluteten den Ort, gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass Mihla nun evakuiert werden sollte. Die meisten Einwohner verließen mit viel Gepäck den Ort und flohen in den Hainich. Schon bald sprachen sich die Nachrichten vom Untergang

 

Creuzburgs herum. Diese verstärkten sich, als der am Vortag zum Mihlberg befohlene Trupp des Volkssturmes völlig aufgelöst zurückkehrte. Die wenigen Männer und vielen Jugendlichen hatten den Beschuss Creuzburgs erlebt. Leutnant Sinn schickte daraufhin die Jugendlichen nach Hause, damit löste sich der Mihlaer Volkssturm weitgehend auf.

 

Nach Einbruch der Dunkelheit erreichten die ersten US-Panzer durch das Sandholz die Viaduktbrücke. Gegen 18.00 Uhr wurde diese vor ihren Augen und ebenso die Eisenbahn- und die Straßenbrücke gesprengt. Diese gewaltigen Explosionen richteten im Ort großen Schaden an.

 

Gleichzeitig begann ein lang anhaltendes Feuergefecht zwischen den deutschen Panzern auf der Mihlaer Höhe, Infanteristen am Viehrasen und den sich in das Sandholz zurückziehenden US-Einheiten über die Werra hinweg. Ein US-Fahrzeug wurde am Rande des Sandholzes getroffen, in Mihla gingen das Futterlager am Viehrasen und die dortigen Villen in Flammen auf. Zwei deutsche Soldaten, die am Viehrasen in Stellung lagen. die Soldaten Grom und Simon, fanden den Tod, mehrere andere wurden verletzt.

 

In der Nacht befahl der deutsche Kampfkommandant Oberleutnant Walborn ein Spähtruppunternehmen über die Werra in Richtung „Hohe Straße“ im Sandholz, um die Stellungen der US-Streitkräfte festzustellen. Neun deutsche Soldaten erreichten mit einem Schlauchboot (dieses Unternehmen hatte man noch wenige Tage zuvor geübt) das andere Ufer und drangen über den Bocksgraben zur „Hohen Straße“ vor. Dort trafen sie auf US-Soldaten und es kam zu einem heftigem Feuergefecht, bei dem, so die Schilderung der zurück kehrenden Soldaten, ein US-Panzer durch eine Panzerfaust abgeschossen wurde. Der Kommandoführer Unteroffizier Dörfler fand dabei den Tod (Soldatengrab im Sandholz, heute auf den Mihlaer Friedhof umgebettet), fünf Soldaten gerieten in Gefangenschaft und nur drei Mann konnten wieder das Mihlaer Ufer erreichen. In der restlichen Nacht blieb es weitgehend ruhig.

 

-Ostermontag, 2. April 1945: Am frühen Morgen waren ständige Luftkämpfe am Himmel zu beobachten (seit 10.00 Uhr griffen deutsche Jagdflugzeuge ununterbrochen die in der Nacht errichteten Pontonbrücken bei Creuzburg und Spichra an und erlitten dabei hohe Verluste). Einige mutige Mihlaer machten sich aus dem Hainich wieder in den Ort auf um Lebensmittel zu holen.

 

Am Nachmittag befahl der Kampfkommandant einen von der militärischen Führung angeordneten Gegenstoß in die Flanke der bei Creuzburg durchgebrochenen US-Panzer durchzuführen. Dieser wurde mit drei "Hetzer"- Jagdpanzern und Infanteriebegleitung in Richtung Hahnroda durchgeführt. Er endete mit einer Katastrophe, bei Hahnroda wurde, nachdem bereits Oberleutnant Walborn, der den Vorstoß mit einem Motorrad aufklärte, verwundet wurde, der deutsche Spitzenpanzer abgeschossen. Drei der vier Mann Besatzung, Oberleutnant Prokop, Unteroffizier König und Obergefreiter Vogel-Krese, fanden dabei den Tod, nur der Panzerfahrer Franz Rödiger konnte sich schwer verwundet zu den eigenen Linien durchschlagen. Die restlichen deutschen Panzer konnten sich zurückziehen und bezogen in der Nacht Stellungen am Tiefenbach und auf der Mihlaer Höhe.

 

In der Nacht scheiterte ein Versuch von Postmeister Heinrich Böhm gemeinsam mit Pfarrer Mitzenheim, den Abschnittskommandeur Major Krenzer zum Aufgeben zu bewegen. Danach hissten die Mihlaer eine weiße Fahne am Kirchturm, welche am Morgen durch die Soldaten rasch entfernt wurde.

 

Was geschah vor 70 Jahre? Als die Amerikaner kamen...  Die beiden deutschen Offiziere Walborn (links) und Prokop Mitte März 1945 bei der Ausbildung ihrer Truppen an der Werra.

 

- Dienstag, 3. April 1945: Der Tag verlief, abgesehen von einigen Artillerieduellen deutscher und US-Panzer (Tiefenbach und Reitenberg) weitgehend ruhig. Der deutsche Kommandant gab das Wehrmachtslager für die Bevölkerung frei. Am Abend zogen die noch einsatzfähigen Fahrzeuge, nicht alle Hetzer-Panzer verfügten über Fahrer, nach Lauterbach ab und verließen dann gemeinsam mit den Stabseinheiten den Ort in Richtung Hainich. Zurück blieben einige eingebaute Panzerabwehrgeschütze, so in der heutigen Gartenstraße, in der Feldstraße und im Ort selbst, sowie mehrere deutsche Panzer, so an der Ziegelei im Tiefenbach, bei der Schmiede John und am Wernershäuser Berg. Immer mehr Mihlaer kehrten aus den Wäldern zurück.

 

Am Abend des 3. Aprils standen die US-Spitzen bereits vor Gotha und Langensalza. Heinrich Böhm, Pfarrer Mitzenheim und einige andere Mihlaer berieten sich geheim, was man tun könne, um Kämpfe im Ort zu vermeiden. Ein erneuter Vorstoß zum Kampfkommandanten brachte wiederum kein Ergebnis.

 

Was geschah vor 70 Jahre? Als die Amerikaner kamen... 

Ein Jagdpanzer "Hetzer" im Panzermuseum Munster. Ein solches Fahrzeug wurde am 2. April 1945 bei Hahnroda abgeschossen, drei Panzersoldaten fielen. 

 

- Mittwoch, 4. April: Am frühen Morgen hisste die Gruppe um Heinrich Böhm erneut eine weiße Fahne am Kirchturm. Dann wollte man den US-Soldaten, die man vom Bahnhof her kommend erwartete, entgegen gehen.

 

Vor dem Bahnhof war es am frühen Morgen bereits zu einem Gefecht gekommen. Ein vorstoßender Aufklärungstrupp der US-Streitkräfte wurde von einer deutschen Panzerfaust getroffen und brannte völlig aus. Mindestens ein US-Soldat fand dabei den Tod, andere wurden verwundet. Im Feuergefecht wurden auch mehrere deutsche Soldaten verwundet. Der Rest der Deutschen zog sich danach zurück bzw. löste sich auf.

 

Eine Stunde später unter Deckung durch Aufklärungsflugzeuge erreichte ein zweites Fahrzeug, ein Jeep mit vier Offizieren und Soldaten besetzt, von der Bahnhofstraße her kommend, die Panzersperre vor der Auffahrt zur Mihlaer Werrabrücke. Dort lagen noch einige deutsche Soldaten in Stellung, die sich nach einem kurzen Feuergefecht mit Soldaten in der Gastwirtschaft „Goldene Aue“ nun ergaben. In diesem Moment wurde der Jeep von einer in der Gartenstraße stehenden deutschen Pak 40 unter Feuer genommen und erhielt einen Volltreffer, wodurch alle vier Insassen starben.

 

Danach machten sich die mutigen Mihlaer mit weißen Fahnen au dem Weg, den US-Soldaten entgegen... Sie trafen diese in der Nähe der Steinmetzbetriebes Schlothauer. Die US-Soldaten treiben die Mihlaer voran, dem Dorf entgegen, vorbei an der grausigen Szene an der „Alten Post“, bis zum Rathaus. Dort hatte inzwischen Pfarrer Mitzenheim und andere die Regie übernommen, die verlassenen Waffen mit weißen Betttüchern überdeckt und überall weiße Fahnen gehisst. So wurde Mihla am Mittag des 4. Aprils 1945 ohne weiteres Blutvergießen übergeben.

 

Tage später fand man noch einen unbekannten deutschen Soldaten, der neben seinen Kameraden auf dem Friedhof beigesetzt wurde.

 

Was geschah vor 70 Jahre? Als die Amerikaner kamen... 

Soldat Franz Röther entkam als einziger der Besatzung dem bei Hahnroda abgeschossenen deutschen Panzer und überlebte schwer verwundet den Krieg.

 

Insgesamt forderten die Kämpfe vom 1. bis 4. April das Leben von sieben deutschen und mindestens fünf US-Soldaten, Dutzende auf beiden Seiten wurden verwundet. Nur durch den Einsatz der mutigen Mihlaer um Heinrich Böhm wurde der Ort letztlich gerettet und musste nicht das gleiche Schicksal wie die Nachbarkommune Creuzburg erleiden. Insgesamt kamen 162 Mihlaer im 2. Weltkriegs ums Leben.

 

Rainer Lämmerhirt

 

 

 

Mihla, 25. 03. 2015