Auf der Höhe des Hainichs, unweit der Einmündung der alten Zufahrt vom Reckenbühl auf die Straße von Mihla nach Kammerforst, etwa 800 Meter hinter der Antoniusherberge, findet der aufmerksame Wanderer links am Wegesrand ein kleines, nur etwa einen halben Meter aus der Erde ragendes Steinkreuz. Die Schrift ist noch recht gut leserlich und schon erfährt man den Namen des Kreuzes, der überall bekannt ist: "Schütze", so steht es dort, also "Schützkreuz".
Ob der jetzige Standort der ursprüngliche ist, ist eher unwahrscheinlich, da sich die alte Wegeführung gerade an dieser Stelle sehr verändert hat. 1934 machte sich der Reichsarbeitsdienst daran, den sogenannten "Steinweg", der von Kammerforst hinauf in den Hainich führte, mit Packlager zu versehen und für eine zukünftige, das Mittelgebirge querende Autostraße auszubauen. Dabei wurde die alte Trasse, die man im Wald hinter dem Kreuz noch als Hohlweg erkennen kann, verändert. Auf jeden fall kann der frühere Standort nicht weit von dieser Stelle gelegen haben und führt uns in die Vergangenheit der Straße.
Auf der Vorderseite ist zu lesen: "…1640 CURT SChÜZE ERSCHOSSEN…" während auf der Rückseite "JUST MIChEL SCHÜZE…" zu erkennen ist.
Überlieferungen in Kammerforst berichten von einem Postboten oder Zolleinnehmer, der an dieser Stelle aus wohl räuberischen Gründen erschlagen wurde. Schriftliche Mitteilungen über die düstere Tat gibt es wohl nicht. Früher soll auf der Rückseite noch die Jahreszahl 1655 lesbar gewesen sein. Daraus könnte der Zusammenhang wie folgt rekonstruiert werden: Der Mordtat, die zu den finsteren Zeiten des 30jährigen Krieges geschehen ist, als so manches Raubgesindel marodierender SöldnerUnterschlupf im Waldesdickicht gefunden hatte, wurde nach uralter Sitte (die eigentlich im 17. Jahrhundert gar nicht mehr praktiziert wurde) mit dem Setzen eines Sühnekreuzes erinnert. Vielleicht war jener Just Michel Schüze, der auf der Rückseite genannt wird, der Sohn oder Bruder des Ermordeten, der nun, nachdem wieder Ruhe in das Land eingekehrt ist, mit dem Setzen des Steines an den wahrscheinlich niemals geklärten Vorfall erinnern will?
Wie unruhig die Zeiten auf der Höhe des Rennstieges mitten im Hainich damals waren, beweist ein Ereignis, welches nur wenige Jahre vorher geschehen war. Mehrere verwilderte und räuberische Söldner überfielen am 14. September 1632 das nahe gelegene Forsthaus Reckenbühl, um die dort vermuteten Pferde zu stehlen und zu plündern. Aber der Förster und seine Gehilfen wissen sich bewaffnet zur Wehr zu setzen und verjagen die Räuber in einem Feuergefecht. Einer der Söldner wird dabei schwer verwundet und Tage später von Mihlaer Bauern im Tal gefunden und auf einem Bäckerkarren in das Dorf geholt. In der "Schwarzen Herberge", dem heutigen "Mohren", werden seine Wunden verbunden, trotzdem stirbt der Mann, der allerdings noch bei Bewusstsein ist und erklärt, er hieße Heinrich Stauer und stamme aus dem Braunschweiger Land. Da er immer wieder "… Gott und den Namen Jesu angerufen…habe und unserer Confessio…"(gewesen sei), wie der damalige Mihlaer Pfarrer im Kirchenbuch vermerkte, wurde er auf dem Mihlaer Gottesacker beigesetzt.
Wie schön ruhig ist es doch da heute im Hainich!
Rainer Lämmerhirt
Heimat- und Verkehrsverein Mihla